Google will ab 2026 die Installation von Apps auf Android-Geräten nur noch erlauben, wenn sich Entwickler zentral bei Google registrieren, ihre Identität preisgeben und eine Gebühr zahlen. Für Open-Source-Projekte wie F-Droid könnte das das Ende bedeuten. Und für die EU ist es ein klarer Verstoß gegen geltendes Recht.
Hört auf, es „Sideloading“ zu nennen
Bevor wir in die Details einsteigen, müssen wir über einen Begriff reden, der die gesamte Debatte vergiftet: „Sideloading“. Sowohl Google als auch Apple verwenden dieses Wort, um eine völlig normale Handlung als etwas Fragwürdiges darzustellen. Dabei beschreibt der Begriff nichts anderes als das Installieren einer Software auf einem Gerät, das man gekauft hat und besitzt.
Ein Android-Smartphone ist ein Computer. Es hat einen Prozessor, Arbeitsspeicher, Massenspeicher und ein Betriebssystem. Dass es zusätzlich telefonieren kann, ändert daran nichts. Auch der Oberste Gerichtshof der USA hat in Riley v. California festgestellt, dass Smartphones vollwertige Computer sind. Wenn man auf einem Windows-PC ein Programm von einer Website herunterlädt und installiert, nennt das kein Mensch „Sideloading“. Man installiert einfach ein Programm. Auf einem Mac genauso. Auf Linux sowieso.
Der Begriff „Sideloading“ wurde von den Plattformbetreibern erfunden, um eine vollkommen normale Handlung als Sicherheitsrisiko zu framen und damit die Existenz ihres eigenen App-Stores als notwendigen Schutzmechanismus zu rechtfertigen. Marc Prud’hommeaux, Vorstandsmitglied von F-Droid, bringt es auf den Punkt: „‚Sideloading‘ ist ein erfundener Begriff. Software auf seinen Computer zu laden heisst einfach ‚Installieren‘, egal ob der Computer in der Hosentasche oder auf dem Schreibtisch steht.“ Er schlägt stattdessen den Begriff „direkte Installation“ vor, falls man überhaupt eine Unterscheidung braucht zwischen dem normalen Installieren von Software und dem Umweg über einen Marktplatz, der Gebühren kassiert.
In diesem Artikel verwenden wir deshalb den korrekten Begriff: Software installieren. Oder wenn eine Unterscheidung nötig ist: direkte Installation.
Was Google plant
Im August 2025 hat Google eine Änderung angekündigt, die das Android-Ökosystem grundlegend verändern wird. Ab September 2026 müssen alle Entwickler, die Apps auf zertifizierten Android-Geräten installierbar machen wollen, ihre Identität bei Google verifizieren. Das gilt nicht nur für den Play Store, sondern ausdrücklich auch für die direkte Installation von APK-Dateien und für alternative App-Stores wie F-Droid, den Samsung Galaxy Store oder den Amazon Appstore.
Konkret verlangt Google Folgendes von jedem Entwickler: die Angabe des vollständigen Namens, der Adresse, E-Mail und Telefonnummer. Dazu kommt die Vorlage eines amtlichen Ausweisdokuments. Organisationen müssen zusätzlich eine D-U-N-S-Nummer (eine Unternehmenskennung von Dun & Bradstreet) vorweisen und ihre Website verifizieren. Jede einzelne App muss mit ihrem Paketnamen bei Google registriert werden. Und es fällt eine einmalige Gebühr von 25 Dollar an.
Im November 2025 hat Google in einem Blogpost vage angedeutet, dass es einen „Advanced Flow“ für erfahrene Nutzer geben soll, der es ermöglichen könnte, nicht verifizierte Software unter Inkaufnahme zusätzlicher Warnhinweise trotzdem zu installieren. Einige Kommentatoren werteten das vorschnell als Entwarnung. Das ist es nicht. Dieser „Advanced Flow“ ist ein Feigenblatt. Google liefert bis heute keine konkreten Details dazu, und selbst wenn er kommt, wird er den Durchschnittsnutzer durch abschreckende Warnmeldungen davon abhalten, die Installation fortzusetzen. Es ist exakt dieselbe Strategie, für die Apple von Gerichten bereits verurteilt wurde: technisch eine Option lassen, sie aber durch „Scare Screens“ praktisch unbenutzbar machen. F-Droid und die Open-Source-Gemeinschaft lehnen diesen Ansatz zu Recht ab, weil er die freie Softwareinstallation von einer Ausnahmegenehmigung abhängig macht, statt sie als Grundrecht zu behandeln.
Der Zeitplan sieht so aus: Seit Oktober 2025 läuft eine Pilotphase mit ausgewählten Entwicklern. Im März 2026 öffnet die Registrierung für alle. Ab September 2026 wird die Pflicht in Brasilien, Indonesien, Singapur und Thailand durchgesetzt. Ab 2027 soll sie weltweit gelten. Apps von nicht verifizierten Entwicklern werden dann auf zertifizierten Android-Geräten nicht mehr installierbar sein. Da über 95 Prozent aller Android-Geräte ausserhalb Chinas zertifizierte Geräte mit Google Mobile Services sind, betrifft das praktisch jeden.
Warum das Open-Source-Projekte zerstört
Die Auswirkungen auf die Open-Source-Welt sind verheerend. F-Droid, der wichtigste freie und quelloffene App-Store für Android, hat das in einem ausführlichen Blogpost im September 2025 unmissverständlich klargestellt: Diese Regelung wird das Ende des F-Droid-Projekts bedeuten, wie wir es heute kennen.
Das Problem ist struktureller Natur. F-Droid verteilt tausende Apps von hunderten unabhängigen Entwicklern. Viele dieser Entwickler sind Einzelpersonen, die in ihrer Freizeit nützliche Software schreiben und kostenlos zur Verfügung stellen. Sie tun das oft bewusst anonym oder pseudonym, weil sie Wert auf ihre Privatsphäre legen. F-Droid kann diese Entwickler nicht zwingen, sich bei Google zu registrieren, ihre Ausweise hochzuladen und Googles Nutzungsbedingungen zu akzeptieren. Gleichzeitig kann F-Droid die App-Kennungen dieser Projekte nicht einfach übernehmen und selbst registrieren, weil das einer Übernahme der Distributionsrechte gleichkäme.
Das Ergebnis: Hunderte bewährte, sichere Open-Source-Apps werden auf dem Grossteil aller Android-Geräte schlicht nicht mehr installierbar sein. Nutzer, die F-Droid heute verwenden, können ihre bestehenden Apps nicht einmal mehr aktualisieren.
Besonders absurd ist Googles Sicherheitsargument. F-Droid baut jede App direkt aus dem öffentlich einsehbaren Quellcode und prüft sie auf versteckte Tracker und Schadsoftware. Das ist ein grundlegend besseres Sicherheitsmodell als eine Identitätsprüfung, die lediglich feststellt, wer eine App geschrieben hat, aber nicht was sie tut. Google selbst hat mit Play Protect bereits einen Mechanismus, der alle installierten Apps auf Schadsoftware scannt, egal woher sie stammen. Die Entwicklerverifizierung fügt dem keine echte Sicherheit hinzu.
Wie F-Droid selbst schreibt: „Wir glauben nicht, dass die Entwicklerregistrierung durch Sicherheitsbedenken motiviert ist. Wir glauben, sie dient der Machtkonsolidierung und der Verschärfung der Kontrolle über ein ehemals offenes Ökosystem.“
Die 25-Dollar-Gebühr: Ein versteckter Monopolmechanismus
Google verlangt von jedem Entwickler, der Apps ausserhalb des Play Store verteilen will, eine einmalige Gebühr von 25 Dollar für ein „Full Distribution“-Konto in der neuen Android Developer Console. Auf den ersten Blick klingt das harmlos. In der Praxis ist es ein monopolistischer Akt mit weitreichenden Folgen.
Erstens schafft diese Gebühr eine finanzielle Hürde für Menschen, die kostenlose Software entwickeln. Wer eine nützliche App schreibt und sie gratis auf GitHub oder über F-Droid anbietet, muss nun 25 Dollar an Google zahlen, nur damit die App auf Android-Geräten überhaupt funktioniert. Für Entwickler in wirtschaftlich schwächeren Regionen ist das keine Kleinigkeit. Es schreckt genau die Menschen ab, die das Open-Source-Ökosystem am Leben halten: Hobbyisten, Studenten und gemeinnützige Projekte.
Zweitens ist die Gebühr untrennbar mit einer Deanonymisierung verbunden. Man kann nicht einfach zahlen und fertig. Man muss seinen amtlichen Ausweis hochladen, seinen vollständigen Namen preisgeben und Googles Nutzungsbedingungen akzeptieren, die sich jederzeit ändern können. Für Entwickler, die aus guten Gründen anonym arbeiten – sei es zum Schutz vor Belästigung, aus politischen Gründen oder einfach aus Prinzip – ist das inakzeptabel.
Drittens, und das ist der entscheidende Punkt: Google verlangt diese Gebühr und diese Registrierung nicht für den Zugang zum Play Store. Es geht um die grundsätzliche Erlaubnis, Software auf Android-Geräten installierbar zu machen. Google macht sich damit zum Torwächter über ein gesamtes Betriebssystem, das ursprünglich als offene Plattform konzipiert war. Es ist, als würde Microsoft verlangen, dass man sich registrieren und zahlen muss, bevor man ein Programm auf einem Windows-PC ausführen darf. Kein Mensch würde das akzeptieren. Aber weil Google und Apple es geschafft haben, Smartphones sprachlich und konzeptuell von „richtigen Computern“ zu trennen, kommen sie damit durch.
Google hat zwar angekündigt, dass es einen kostenlosen Account-Typ für „Studenten und Hobbyisten“ geben soll, aber Details dazu sind bis heute vage. Bekannt ist nur, dass diese Accounts auf eine begrenzte Anzahl von Geräten beschränkt sein sollen. Für F-Droid, das bewusst keine Nutzer trackt und keine Registrierung verlangt, ist das keine Option.
Warum das in der EU rechtswidrig sein dürfte
Die Europäische Union hat mit dem Digital Markets Act (DMA) ein Regelwerk geschaffen, das genau solche Praktiken verhindern soll. Google (Alphabet) ist als Gatekeeper für acht Dienste designiert, darunter ausdrücklich Android und der Google Play Store. Artikel 6 Absatz 4 des DMA schreibt klar vor: Gatekeeper müssen die uneingeschränkte Installation und Deinstallation von Drittanbieter-Apps und App-Stores erlauben. Die Beweislast liegt bei Google. Nicht die Nutzer müssen begründen, warum sie freie Software installieren wollen. Google muss beweisen, dass jede Einschränkung zwingend notwendig ist.
Die Free Software Foundation Europe (FSFE) hat zusammen mit European Digital Rights, der Gesellschaft für Freiheitsrechte und anderen Organisationen bereits eine formelle Beschwerde bei der Europäischen Kommission eingereicht. Die Beschwerde richtet sich dagegen, dass Android so gestaltet ist, dass Nutzer ihre Wahlfreiheit bei der Softwareinstallation nicht frei ausüben können. Die Kommission hat daraufhin Verfahren gegen Google wegen Nichteinhaltung des DMA eröffnet.
Die Entwicklerverifizierungspflicht verschärft das Problem massiv. Sie macht Google nicht nur zum Gatekeeper des Play Store, sondern zum Gatekeeper des gesamten Android-Ökosystems. Jeder Entwickler weltweit muss sich bei einem US-Konzern registrieren, seine Identität preisgeben und dessen Bedingungen akzeptieren, um überhaupt Software auf Android verteilen zu dürfen. Das ist das genaue Gegenteil dessen, was der DMA fordert.
Dazu kommt die Rechtsprechung in den USA, die Google bereits eingeholt hat. Im Fall Epic Games gegen Google hat eine Jury im Dezember 2023 einstimmig festgestellt, dass Google sein Monopol bei der Android-App-Distribution illegal aufrechterhalten hat. Im Oktober 2024 erliess Richter Donato eine dauerhafte Verfügung, die Google unter anderem verpflichtet, konkurrierende App-Stores zuzulassen und die direkte Installation aus jeder Quelle zu ermöglichen. Der Ninth Circuit hat sowohl das Urteil als auch die Verfügung im Juli 2025 einstimmig bestätigt. Der Supreme Court hat Googles Berufung abgelehnt. Diese Verfügung ist geltendes Recht.
In einem parallelen Fall hat Richterin Rogers im April 2025 Apple der vorsätzlichen Missachtung einer Gerichtsverfügung für schuldig befunden, weil Apple technische und politische Massnahmen ergriffen hatte, um die Kontrolle über sein App-Ökosystem zu behalten, während es den Anschein von Compliance wahrte. Ein Apple-Manager hatte unter Eid gelogen. Der Ninth Circuit hat dieses Urteil im Dezember 2025 bestätigt. Die Europäische Kommission hatte Apple zuvor mit 500 Millionen Euro bestraft. Googles Entwicklerverifizierung folgt exakt demselben Muster: monopolistisches Gatekeeping, verpackt in der Sprache der Sicherheit.
Auch ausserhalb der EU und der USA gerät die Position der Tech-Konzerne ins Wanken. In Australien hat ein Bundesgericht Anfang 2025 festgestellt, dass sowohl Apple als auch Google wettbewerbswidrig gehandelt haben, indem sie die direkte Installation von Apps verhindert und alternative Zahlungsmethoden eingeschränkt haben. Das britische Gesetz für digitale Märkte, Wettbewerb und Verbraucher (DMCC) von 2024 stellt ähnliche Anforderungen. Japan hat mit dem Smartphone Software Competition Promotion Act ein vergleichbares Gesetz verabschiedet.
Die Gegenwehr formiert sich
Die Reaktion der Open-Source-Gemeinschaft und der Zivilgesellschaft ist deutlich. Am 24. Februar 2026 haben 37 Organisationen einen offenen Brief an Google-CEO Sundar Pichai, die Gründer Larry Page und Sergey Brin sowie das Management veröffentlicht. Zu den Unterzeichnern gehören die Electronic Frontier Foundation, die Free Software Foundation, F-Droid, der Browser-Hersteller Vivaldi und der E-Mail-Anbieter Fastmail. Der Brief wurde gleichzeitig an Wettbewerbsbehörden weltweit verschickt.
Die Kernforderungen sind klar: Google soll die verpflichtende Entwicklerregistrierung für die Verteilung ausserhalb des Play Store sofort zurücknehmen. Google soll in einen transparenten Dialog mit der Zivilgesellschaft, Entwicklern und Regulierungsbehörden treten. Und Google soll sich zur Plattformneutralität verpflichten und sicherstellen, dass Android eine wirklich offene Plattform bleibt.
Die Initiative „Keep Android Open“ unter keepandroidopen.org koordiniert den Widerstand und ruft Entwickler, Nutzer und Regulierungsbehörden zum Handeln auf. F-Droid selbst rät ausdrücklich davon ab, sich für das Programm zu registrieren, und fordert Entwickler auf, die Einladungen zur Android Developer Console abzulehnen.
Was Nutzer jetzt tun können
Wer von diesen Änderungen betroffen ist oder sein wird, hat mehrere Handlungsoptionen.
Informiert euch und verbreitet die Information weiter. Viele Android-Nutzer wissen noch gar nicht, was ab 2026 auf sie zukommt. Teilt diesen Artikel, sprecht darüber in euren Communities und macht andere auf keepandroidopen.org aufmerksam.
Installiert jetzt F-Droid auf euren Geräten, falls ihr das noch nicht getan habt. Je mehr Menschen alternative App-Stores nutzen, desto schwerer wird es für Google, sie einfach abzuschalten.
Gebt Google direkt Feedback. Über die offizielle Feedback-Seite zur Android-Entwicklerverifizierung könnt ihr eure Bedenken äussern. Auch wenn Google auf Einzelstimmen selten reagiert: Massiver Widerspruch dokumentiert das Problem für spätere regulatorische und juristische Auseinandersetzungen.
Unterstützt Organisationen, die sich für Softwarefreiheit einsetzen. Die EFF, die FSFE und F-Droid selbst kämpfen an vorderster Front gegen diese Einschränkungen. Sie brauchen Spenden und öffentliche Unterstützung.
Prüft Alternativen wie GrapheneOS oder LineageOS. Diese alternativen Android-Betriebssysteme basieren auf dem offenen Android-Quellcode (AOSP), sind aber nicht Google-zertifiziert und damit von der Entwicklerverifizierungspflicht nicht betroffen. GrapheneOS läuft auf Google Pixel-Geräten und bietet ein hohes Mass an Sicherheit und Privatsphäre ohne die Abhängigkeit von Google.
Kontaktiert eure politischen Vertreter, insbesondere auf EU-Ebene. Der Digital Markets Act existiert genau für solche Fälle. Wenn Google damit durchkommt, die Installation von Software auf Geräten, die Nutzer gekauft und bezahlt haben, an eine zentrale Registrierung bei einem privaten US-Konzern zu knüpfen, dann hat das Gesetz seinen Zweck verfehlt.
Android wurde einst als die offene Alternative zu Apples geschlossenem iOS vermarktet. Wenn Google diese Änderung durchsetzt, ist von dieser Offenheit nichts mehr übrig. Es liegt an uns allen, das zu verhindern.

