Eine moderne Illustration einer vernetzten Europakarte mit vier leuchtenden Symbolen für Office-Apps und vier zusammenarbeitenden Personen.

Am 9. Juni 2026 ist es passiert: Euro-Office, die von Nextcloud und IONOS angeführte europäische Office-Suite, hat ihre erste stabile Version veröffentlicht. Der Quellcode liegt offen auf GitHub, die Lizenz ist die AGPLv3. Das erklärte Ziel ist nichts Geringeres, als Microsoft 365 und Google Docs in europäischen Unternehmen, Behörden und Schulen überflüssig zu machen.

Das klingt nach einer dieser Ankündigungen, von denen die Open-Source-Welt schon viele gesehen hat. Und ja, die Geschichte von Office-Alternativen ist ein Friedhof guter Absichten. Aber diesmal ist einiges anders. Der Zeitpunkt könnte politisch nicht besser sein. Die Rückendeckung aus der Industrie ist real, und der Leidensdruck bei den Microsoft-Kunden wächst messbar. Gleichzeitig hat das Projekt schon vor dem Release eine handfeste Lizenzkontroverse hinter sich, die man nicht unter den Teppich kehren sollte.

Zeit für eine gründliche Bestandsaufnahme: Was ist Euro-Office, was kann es, und wer steckt dahinter? Was ist dran an den Vorwürfen? Und ist das wirklich der Hebel, um Schülerdaten, Bürgerdaten und Firmengeheimnisse von US-Servern fernzuhalten?

Was ist Euro-Office? Die Fakten zum Release

Euro-Office ist eine browserbasierte, kollaborative Office-Suite. Sie besteht aus vier Webanwendungen: einem Dokumenteneditor, einer Tabellenkalkulation, einem Präsentationswerkzeug und einem PDF-Editor. Alle vier Anwendungen erlauben gemeinsames Bearbeiten in Echtzeit. Genau das kennen viele Nutzer von Google Docs oder Microsoft 365 und vermissen es in LibreOffice bisher schmerzlich.

Euro-Office unterstützt die Microsoft-Formate DOCX, XLSX und PPTX. Dazu kommen die ODF-Formate ODT, ODS und ODP. Die Stärke liegt dabei, das muss man ehrlich sagen, klar auf der OOXML-Seite, also bei den Microsoft-Formaten. Dazu später mehr, denn genau hier liegt einer der wunden Punkte.

Die Suite ist nicht als eigenständiges Produkt zum Herunterladen gedacht, das man wie LibreOffice auf den Rechner installiert. Die Konsortialpartner liefern Euro-Office als Integration in bestehende Kollaborationsplattformen aus. Nextcloud nimmt Euro-Office in Nextcloud Office auf. Dort steht es gleichberechtigt neben der bestehenden Collabora-basierten Lösung. IONOS integriert die Suite ohne Aufpreis in seine Nextcloud-Workspace-Angebote und als optionales Add-on in HiDrive und Managed Nextcloud. Das französische XWiki plant die Integration für das vierte Quartal 2026, das niederländische Office.eu baut ebenfalls darauf auf.

Was zum Release noch fehlt: Desktop- und Mobile-Apps. Die sind laut Nextcloud-CEO Frank Karlitschek für den Sommer angekündigt und sollen Dokumente lokal speichern und mit frei wählbaren Cloud-Speichern synchronisieren. Bis dahin ist Euro-Office eine reine Web-Suite. Wer offline arbeiten will, bleibt vorerst bei LibreOffice.

Karlitschek fasste den Stand zum Release nüchtern zusammen: Oberste Priorität sei eine Version gewesen, mit der Nutzer tatsächlich arbeiten können. Das Team räumte dafür den Code auf, spielte Sicherheitsupdates ein und setzte die Integration in bestehende Lösungen um. Außerdem richtete es automatisierte Tests ein, übersetzte Code-Kommentare ins Englische und verbesserte die Dokumentation. Neue Contributors sollen so leichter einsteigen.

Wer steckt hinter Euro-Office?

IONOS und Nextcloud stellten das Projekt am 27. März 2026 bei einem Presse-Event in Berlin vor. Hinter Euro-Office steht ein Konsortium aus über einem Dutzend europäischer Unternehmen und Community-Organisationen, darunter IONOS, Nextcloud, EuroStack, XWiki, OpenProject, Proton, Soverin, Abilian und BTactic.

Das ist eine bemerkenswerte Aufstellung. Hier haben sich nicht ein paar idealistische Entwickler zusammengetan, sondern kommerzielle europäische Tech-Firmen mit eigenen Geschäftsinteressen und zahlenden Kunden. IONOS ist einer der größten Hosting-Anbieter Europas, Nextcloud ist der De-facto-Standard für selbstgehostete Kollaboration in deutschen Behörden, Proton steht für verschlüsselte Kommunikation aus der Schweiz. Diese Firmen haben ein direktes wirtschaftliches Interesse daran, dass Euro-Office funktioniert, denn sie verkaufen es als Teil ihrer Produkte.

IONOS-CEO Achim Weiss begründete die Initiative mit den geopolitischen Entwicklungen des vergangenen Jahres und dem daraus entstandenen Bedarf an einer verlässlichen, Microsoft-kompatiblen und souveränen Office-Lösung für Europa. Genau diese Formulierung, „Microsoft-kompatibel“, ist Programm: Euro-Office will nicht missionieren, sondern den Umstieg so reibungslos wie möglich machen. Die Oberfläche ist bewusst vertraut gestaltet, die Formate funktionieren, niemand muss umlernen.

Die technische Basis: Ein Fork von OnlyOffice

Technisch ist Euro-Office kein Neubau, sondern ein Fork der Open-Source-Suite OnlyOffice. Die Wahl fiel laut Nextcloud und IONOS auf OnlyOffice, weil dessen Architektur und Codebasis moderner sei als die von LibreOffice und dessen Browser-Variante Collabora Online.

Wer sich jetzt wundert: Ja, OnlyOffice ist die Suite, die viele Nextcloud-Selbsthoster seit Jahren als Dokumenteneditor nutzen. Und ja, genau hier beginnt die Kontroverse.

Das Euro-Office-Projekt begründet den Fork auf seiner GitHub-Seite ungewöhnlich offen. Eine offene Zusammenarbeit mit OnlyOffice sei nicht möglich gewesen, und zwar aus mehreren Gründen. Contributions von außen seien praktisch unmöglich oder würden stark entmutigt. Die Mobile-Apps seien nicht wirklich Open Source, sondern nur Wrapper mit umfangreichen proprietären Komponenten. Diese Komponenten muss das Projekt nun neu implementieren. Und schließlich der politisch heikelste Punkt: OnlyOffice sei trotz vieler Verschleierungsversuche ein russisches Unternehmen, dessen Entwickler fast vollständig in Russland säßen. In der aktuellen politischen Lage sei Zusammenarbeit schwierig und Vertrauen kaum zu gewinnen. Zumal die Entwicklung weder transparent noch offen ablaufe.

Hinter OnlyOffice steht formal die in Lettland registrierte Ascensio System SIA. Die Einschätzung, dass die eigentliche Entwicklung in Russland stattfindet, vertritt das Euro-Office-Projekt öffentlich in seiner Fork-Begründung. Für eine Suite, die mit dem Anspruch „digitale Souveränität“ antritt und in europäischen Behörden und Schulen laufen soll, ist diese Frage alles andere als akademisch.

Die Kontroverse: OnlyOffice wirft Euro-Office Lizenzverletzungen vor

Nur drei Tage nach der Ankündigung in Berlin, am 30. März 2026, meldete sich OnlyOffice mit einem Blogbeitrag zu Wort, der es in sich hatte. Der Vorwurf: Euro-Office nutze von den OnlyOffice-Editoren abgeleitete Technologie und verstoße damit gegen die Lizenzbedingungen sowie gegen internationales Urheberrecht.

Der Kern des Streits liegt in den Zusatzbedingungen, die OnlyOffice seit Mai 2021 gemäß Abschnitt 7 der AGPLv3 an seine Lizenz geknüpft hat. Diese verlangen unter anderem drei Dinge: die Beibehaltung der Marke OnlyOffice in abgeleiteten Werken, die korrekte Nennung der ursprünglichen Technologie und die vollständige Einhaltung der Open-Source-Vertriebsverpflichtungen. Diese Bedingungen seien nicht optional, sondern fundamentaler Bestandteil der legalen und ethischen Nutzung der Software, so OnlyOffice. Das Unternehmen bezeichnete die Euro-Office-Initiative als offenkundigen und schwerwiegenden Verstoß.

Der Streit blieb nicht beim Wortgefecht. OnlyOffice suspendierte die rund acht Jahre bestehende Partnerschaft mit Nextcloud. Über diese konnten Nextcloud-Nutzer Office-Dokumente direkt in ihrer eigenen Instanz bearbeiten, eine bei Selbsthostern äußerst beliebte Funktion. OnlyOffice warf Nextcloud zudem vor, in der Vergangenheit wiederholt das Vertrauen gebrochen zu haben, etwa durch Abwerbeversuche bei Mitarbeitern. Der Fork ohne jede Vorabkommunikation sei der entscheidende Schritt zu weit gewesen.

Die Antwort von Nextcloud: Forks sind der Kern von Open Source

Nextcloud konterte gegenüber heise online mit einer grundsätzlichen Verteidigung des Fork-Prinzips. OnlyOffice bezeichne sein Produkt selbst als Open Source. Forks seien ein zentraler, ausdrücklich vorgesehener Bestandteil des Open-Source-Ökosystems. Sie ermöglichten Weiterentwicklung, Anpassung und alternative Governance-Modelle. Die rechtliche Einordnung habe das Projekt transparent im öffentlichen Repository dokumentiert. Diese Auffassung werde von der Free Software Foundation geteilt, der Hüterin der GPL- und AGPL-Lizenzen. Auch Bradley M. Kuhn, der maßgeblich an der Entstehung der AGPL beteiligt war, sei konsultiert worden. Er unterstütze die rechtliche Einschätzung von Nextcloud vollständig. IONOS schloss sich dieser Stellungnahme ausdrücklich an.

Juristisch ist die Sache tatsächlich interessanter, als beide Seiten es darstellen. Die AGPLv3 erlaubt in Abschnitt 7 nur bestimmte, eng definierte Zusatzbedingungen. Ob die von OnlyOffice formulierten Markenauflagen davon gedeckt sind, ist umstritten. Möglicherweise gelten sie als unzulässige weitere Einschränkungen, die Nutzer nach der Lizenz sogar entfernen dürfen. Genau an dieser Frage entzündete sich der Streit.

Wie der Streit (vorerst) endete

Zum Release am 9. Juni erklärte Karlitschek den Konflikt für beigelegt: Euro-Office habe entsprechende Quell- und Markenhinweise ergänzt, damit sei der Streit geklärt. Wer heute auf die GitHub-Organisation des Projekts schaut, findet dort die ausdrückliche Nennung, dass Euro-Office auf dem OnlyOffice-Open-Source-Code basiert, einer AGPL-Codebasis.

Ob OnlyOffice das genauso sieht, ist eine andere Frage. Eine gemeinsame Erklärung beider Seiten gibt es nicht, und die suspendierte Partnerschaft zwischen OnlyOffice und Nextcloud dürfte Geschichte bleiben. Für Selbsthoster, die bisher OnlyOffice mit Nextcloud kombiniert haben, bedeutet das mittelfristig eine Richtungsentscheidung.

Man kann diese Episode als Schönheitsfehler abtun. Man sollte es aber nicht. Ein Projekt, das mit Transparenz und Souveränität wirbt, hätte den Fork sauberer kommunizieren und die Attributionsfragen vor der Ankündigung klären können. Dass das Projekt die Hinweise erst nach öffentlichem Druck nachreichte, ist ein vermeidbarer Kratzer im Lack. Gleichzeitig gilt: Der Fork selbst ist legitim, von der FSF gedeckt und am Ende genau das, wofür Copyleft-Lizenzen existieren. Wer Software unter AGPL veröffentlicht, muss mit Forks leben, auch mit unbequemen.

Der zweite wunde Punkt: ODF kommt erst später

Es gibt eine zweite Kontroverse, die weniger Schlagzeilen gemacht hat, aber inhaltlich mindestens so wichtig ist: das Verhältnis von Euro-Office zu offenen Standards.

Die Document Foundation, Herausgeberin von LibreOffice, hatte OnlyOffice bereits im Februar 2026 als „Fake Open Source“ kritisiert. Der Grund: Die Suite setzt auf Microsofts proprietäre OOXML-Dokumentenformate statt auf das offene, ISO-standardisierte Open Document Format. Diese Kritik trifft den Fork Euro-Office zwangsläufig mit, denn er erbt die OOXML-zentrierte Architektur.

Das Projekt selbst räumt das Defizit ein. Zum Release hieß es: Für eine wirklich souveräne Lösung sei die volle Unterstützung offener Standards wie der ODF-Formate wichtig. Genau das stehe ganz oben auf der Agenda für das nächste Release. Übersetzt: Zum Start ist die ODF-Unterstützung vorhanden, aber nicht gleichwertig.

Hier liegt ein echter Zielkonflikt, den man offen benennen muss. Eine Office-Suite, deren Hauptverkaufsargument die nahtlose Kompatibilität mit Microsoft-Formaten ist, zementiert genau die Formatabhängigkeit, die digitale Souveränität eigentlich überwinden will. Solange der zehn Jahre alte Behörden-Vertragsentwurf im DOCX-Format der Maßstab für jede Alternative ist, bestimmt Microsoft weiterhin die Spielregeln. Und zwar ganz ohne eine einzige verkaufte Lizenz. Pragmatisch ist der OOXML-First-Ansatz trotzdem richtig: Ohne verlässliche Microsoft-Kompatibilität findet kein einziger Umstieg statt. Die entscheidende Frage lautet also: Löst Euro-Office das Versprechen ein, ODF im nächsten Release auf Augenhöhe zu bringen? Oder bleiben die offenen Formate dauerhaft zweite Klasse?

Der politische Rückenwind: Tech Sovereignty Package und der Druck aus Brüssel

Der Release-Zeitpunkt von Euro-Office ist kein Zufall, sondern fällt mitten in die heißeste Phase der europäischen Souveränitätsdebatte. Am 3. Juni 2026, sechs Tage vor dem Euro-Office-Release, präsentierte die EU-Kommission ihr European Technology Sovereignty Package. Kernstück ist eine eigene europäische Open-Source-Strategie gegen die Abhängigkeit von Technologieanbietern außerhalb der EU. Dazu kommen rund zwei Milliarden Euro für Open-Source-Projekte. Digitalkommissarin Henna Virkkunen brachte die Stoßrichtung auf den Punkt: Europa solle nutzen, was es bereits hat, um die Kontrolle über seine digitale Zukunft zurückzugewinnen.

Auch auf nationaler Ebene dreht sich der Wind. Frankreichs Digitaldirektion DINUM hat im April 2026 sämtliche Ministerien angewiesen, bis zum Herbst konkrete Strategien zur drastischen Reduzierung ihrer Abhängigkeit von US-Technologieanbietern vorzulegen. Staatsminister David Amiel machte deutlich: Die Verwaltung könne nicht länger akzeptieren, dass strategische Entscheidungen und sensible Daten von extern kontrollierten Plattformen abhängen. Deren Preise, Sicherheitsregeln und technische Weiterentwicklung bestimme allein der Anbieter. Deutschland liefert parallel mit der openDesk-Suite des ZenDiS die Blaupause für eine souveräne Verwaltungs-IT. Schleswig-Holstein stellt seine Landesverwaltung bereits konsequent auf Open Source um.

In dieses Umfeld hinein erscheint Euro-Office. Die Suite ist exakt das Puzzleteil, das in Projekten wie openDesk, Nextcloud-Deployments in Behörden und souveränen Cloud-Angeboten bisher fehlte oder das Collabora allein stemmen musste: eine kollaborative Office-Komponente unter europäischer Kontrolle, mit offenem Code und ohne Lizenzgebühren an einen US-Konzern.

Warum das für Schulen, Behörden und Unternehmen wirklich zählt

Jetzt zum Kern der Sache, und der ist keine Geschmacksfrage, sondern eine rechtliche: Microsoft 365 ist nach Einschätzung der deutschen Datenschutzaufsicht in Schulen und Behörden schlicht nicht rechtskonform einsetzbar.

Die DSK sagt Nein zu Microsoft 365

Die Datenschutzkonferenz (DSK) ist das Gremium der unabhängigen Datenschutzbehörden des Bundes und der Länder. Nach jahrelanger Prüfung und mehreren Gesprächsrunden mit Microsoft kam sie im November 2022 zu einem klaren Ergebnis: Der Nachweis, dass Microsoft 365 transparent und rechtmäßig im Sinne von Artikel 5 DSGVO verwendet werden kann, lässt sich nicht führen. Der zentrale Kritikpunkt: Microsoft verarbeitet personenbezogene Daten aus der Auftragsverarbeitung für eigene Zwecke. Welche Daten das sind und wofür der Konzern sie nutzt, legt er nicht offen. Der Thüringer Landesdatenschutzbeauftragte Lutz Hasse illustrierte die Konsequenz am Beispiel Schule. Wenn eine Schulleitung Eltern und Lehrkräften nicht sagen kann, ob und zu welchen Zwecken Microsoft Daten von Kindern verarbeitet, kann keine wirksame Einwilligung zustande kommen.

Die Folgen sind bekannt: Mehrere Landesdatenschutzbeauftragte haben den Einsatz von Microsoft 365 an Schulen untersagt oder für unzulässig erklärt. Baden-Württemberg führte einen vielbeachteten Pilotversuch durch. Das Ergebnis im Tätigkeitsbericht des Landesdatenschutzbeauftragten fiel unmissverständlich aus: Die geprüften Lösungen mit Microsoft 365 sind im schulischen Umfeld nicht datenschutzkonform umsetzbar, die datenschutzrechtlichen Probleme lassen sich nicht lösen. Schulen, die Microsoft 365 trotzdem weiter einsetzen, riskieren laut dem Bericht sogar Schadensersatzansprüche. Und selbst die EU-Kommission bekam 2024 vom Europäischen Datenschutzbeauftragten attestiert, dass ihr eigener Einsatz von Microsoft 365 gegen Datenschutzrecht verstößt.

Der CLOUD Act: Das Problem, das kein Vertrag löst

Dazu kommt das strukturelle Problem, das sich mit keinem Vertragszusatz wegverhandeln lässt: der US CLOUD Act. Er verpflichtet US-Unternehmen, Daten auf behördliche Anordnung herauszugeben, unabhängig davon, in welchem Land die Server stehen. Ein Microsoft-Rechenzentrum in Frankfurt schützt Schülerdaten, Bürgerdaten oder Firmengeheimnisse nicht vor dem Zugriff nach US-Recht. Das frühere Datentreuhändermodell mit T-Systems, bei dem Microsoft selbst keinen Zugriff hatte, hat der Konzern längst eingestellt.

Was Euro-Office anders macht

Genau hier setzt Euro-Office an. Eine Office-Suite, die auf eigener Infrastruktur oder bei einem europäischen Anbieter wie IONOS läuft, deren Code vollständig offen und überprüfbar ist und die keinem US-Rechtsrahmen unterliegt, löst nicht nur ein Compliance-Problem. Sie verschiebt die Machtfrage: Wer kontrolliert die Werkzeuge, mit denen ein Land seine Kinder unterrichtet und seine Verwaltung organisiert?

Für Schulen ist das Argument doppelt stark. Es geht um die Daten von Minderjährigen, also um die schutzwürdigste Gruppe überhaupt. Und es geht um Vorbildwirkung: Eine Schule, die Schüler von der ersten Klasse an in das Microsoft-Ökosystem sozialisiert, produziert die Lock-in-Kunden von morgen gleich mit.

Microsofts Sündenregister: Warum der Leidensdruck wächst

Dass die Suche nach Alternativen gerade jetzt Fahrt aufnimmt, liegt nicht nur an Brüssel, sondern auch an Microsoft selbst. Ein Blick ins Consumer Rights Wiki, das anti-konsumerfreundliche Praktiken dokumentiert, liefert zwei aktuelle Einträge, die das Muster zeigen.

Erstens: Im Mai 2026 versetzte Microsoft Office 2019 und 2021 für Mac sowie die Office-Apps für iPhone in einen reinen Anzeigemodus. Nutzer, die eine Dauerlizenz gekauft hatten, können ihre Dokumente plötzlich nur noch ansehen, nicht mehr bearbeiten. Das Wiki führt den Vorfall in der Kategorie geplante Obsoleszenz. Wer eine unbefristete Lizenz erworben hat und dann faktisch zum Abo wechseln muss, lernt eine Lektion über den Unterschied zwischen Kaufen und Mieten.

Zweitens dokumentiert das Wiki die Copilot-Zwangsbeglückung. Seit Ende 2024 stellt Microsoft Bestandskunden von Microsoft 365 auf teurere Tarife mit KI-Assistent um, verbunden mit einer Preiserhöhung. Der bisherige Tarif ohne Copilot existierte nur versteckt als „Classic“-Variante weiter. Copilot ist in Office-Anwendungen standardmäßig aktiviert und ließ sich zeitweise nicht in allen Apps abschalten. Kritiker werteten das Vorgehen als irreführendes Forced Upselling.

Beide Fälle zeigen dasselbe strukturelle Problem: Bei proprietärer Abo-Software entscheidet allein der Hersteller, was die Software morgen kostet, was sie kann und ob sie überhaupt noch funktioniert. Genau diese einseitige Abhängigkeit ist es, die Behörden-CIOs und Schulträger zunehmend nervös macht, ganz unabhängig vom Datenschutz.

Konkurrenz im eigenen Lager: LibreOffice, Collabora und die Fragmentierungsfrage

Eine berechtigte Sorge bleibt: Zersplittert die europäische Open-Source-Welt ihre Kräfte? Denn Euro-Office betritt kein leeres Feld.

Collabora Online, die browserbasierte LibreOffice-Variante, ist seit Jahren produktiv im Einsatz. Sie bleibt in Nextcloud als gleichwertige Option neben Euro-Office verfügbar. Frankreich entwickelt mit LaSuite Docs eine eigene kollaborative Lösung. Und die Document Foundation hat Ende Mai 2026 einen bemerkenswerten Strategiewechsel verkündet: LibreOffice soll sich stärker in Richtung Browser, Smartphones und kollaboratives Arbeiten entwickeln. Dafür hat die Stiftung ein eigenes Team für Mobile-, Cloud- und Peer-to-Peer-Entwicklung unter Leitung von Jonathan Clark eingerichtet. Technische Basis der geplanten Browser-Version sind Qt 6 und WebAssembly. Für 2026 stehen Arbeiten am GUI-Code und Test-Builds für Android- und iOS-Emulatoren auf dem Plan. Die Desktop-Version bleibt das Fundament mit zwei Major-Releases pro Jahr. Die nächste Hauptversion 26.8 ist für August geplant.

Man kann das als Verschwendung sehen: drei bis vier parallele europäische Anstrengungen für dasselbe Ziel. Man kann es aber auch anders lesen. Erstens ist Wettbewerb innerhalb des Open-Source-Ökosystems kein Fehler, sondern Resilienz; ein Monopol durch ein anderes zu ersetzen wäre kein Fortschritt. Zweitens adressieren die Projekte unterschiedliche Szenarien. LibreOffice bleibt die Referenz für Desktop und ODF, Collabora die bewährte Selbsthosting-Lösung. Euro-Office ist der industriegetragene Microsoft-Kompatibilitätsweg für Organisationen, die heute migrieren müssen. Und drittens ist die AGPL-Lizenz aller Beteiligten die Versicherung, dass Verbesserungen prinzipiell allen zugutekommen können.

Trotzdem: Die begrenzte Zahl europäischer Office-Entwickler verteilt sich jetzt auf mehrere Codebasen. Ob das gut geht, hängt davon ab, ob die Projekte bei Themen wie ODF-Interoperabilität, Formatfiltern und Standards kooperieren oder gegeneinander arbeiten.

Was Euro-Office jetzt liefern muss

Eine 1.0 auf GitHub ist eine Startlinie, kein Zieleinlauf. Damit aus dem vielversprechenden Release eine echte Microsoft-Alternative wird, müssen mehrere Dinge passieren:

Die Desktop- und Mobile-Apps müssen wie angekündigt im Sommer kommen und taugen. Eine reine Web-Suite scheitert in der Praxis an Bahnfahrten, Funklöchern und Schul-WLANs. Das Team muss die ODF-Unterstützung im nächsten Release tatsächlich auf Augenhöhe mit OOXML bringen, sonst bleibt das Souveränitätsversprechen halbiert. Es muss außerdem die proprietären Komponenten aus dem OnlyOffice-Erbe vollständig durch offenen Code ersetzen, insbesondere bei den Mobile-Apps. Diese Arbeit läuft, ist aber nicht abgeschlossen. Und das Projekt muss beweisen, dass es die versprochene offene Governance lebt: externe Contributions, transparente Roadmap, keine Konzernhinterzimmer.

Die härteste Prüfung ist allerdings keine technische. Office-Migrationen scheitern selten an Features, sondern an Makros, Vorlagen, Beschaffungsgewohnheiten und purem Muskelgedächtnis. Der wahre erste Gegner von Euro-Office ist nicht Copilot, sondern die zehn Jahre alte Behördenvorlage, die mit intakter Formatierung aufgehen muss.

Fazit: Ein Schritt in die richtige Richtung, mit offenen Hausaufgaben

Euro-Office 1.0 ist genau das, was Europa seit Jahren fordert und selten liefert: kein Strategiepapier, keine Absichtserklärung, sondern lauffähige Software unter freier Lizenz. Getragen wird sie von Firmen, die damit Geld verdienen wollen und deshalb ein Interesse am Erfolg haben. Der Zeitpunkt ist klug gewählt: sechs Tage nach dem EU Tech Sovereignty Package und mitten in Frankreichs Exit-Planung aus der US-Software-Abhängigkeit.

Die Kontroversen gehören zur ehrlichen Bilanz dazu. Der Lizenzstreit mit OnlyOffice war ein vermeidbarer Fehlstart. Der Fork selbst ist legitim, und die nachgereichten Hinweise haben den Konflikt formal beigelegt. Die ODF-Lücke ist die eigentliche inhaltliche Hypothek: Eine souveräne Office-Suite, die offene Standards auf später vertagt, hat ihr eigenes Versprechen noch nicht eingelöst.

Und trotzdem gibt es ab sofort eine ernstzunehmende Option mehr. Für Schulen, die laut Datenschutzkonferenz Microsoft 365 gar nicht rechtskonform einsetzen können. Für Behörden, die ihre Bürgerdaten dem CLOUD Act entziehen wollen. Und für Unternehmen, die ihre Geschäftsgeheimnisse nicht von den Vertragslaunen eines US-Konzerns abhängig machen wollen. Das ist ein Fortschritt, den man nicht kleinreden sollte. Jetzt muss das Projekt liefern. Wir schauen hin.

FAQ: Häufige Fragen zu Euro-Office

Was ist Euro-Office? Euro-Office ist eine quelloffene, browserbasierte Office-Suite aus Europa mit Dokumenteneditor, Tabellenkalkulation, Präsentationstool und PDF-Editor inklusive Echtzeit-Kollaboration. Ein Konsortium um Nextcloud und IONOS entwickelt sie, die Lizenz ist die AGPLv3.

Wann ist Euro-Office erschienen? Die erste stabile Version 1.0 erschien am 9. Juni 2026. Sie ist über die öffentlichen GitHub-Repositories des Projekts verfügbar.

Ist Euro-Office kostenlos? Der Quellcode ist frei verfügbar (AGPLv3), Selbsthosting ist möglich. Die Konsortialpartner wie IONOS oder Nextcloud bepreisen ihre gehosteten Angebote je nach Einsatzszenario, etwa im Rahmen bestehender Abos.

Kann Euro-Office Microsoft-Office-Dateien öffnen? Ja, die Suite unterstützt DOCX, XLSX und PPTX, ebenso die ODF-Formate ODT, ODS und ODP. Die volle Gleichwertigkeit der ODF-Unterstützung ist für das nächste Release angekündigt.

Gibt es Desktop- und Mobile-Apps? Zum Release noch nicht. Desktop- und Mobile-Anwendungen sind für den Sommer 2026 angekündigt.

Worum ging es im Streit mit OnlyOffice? Euro-Office ist ein Fork von OnlyOffice. Dessen Hersteller warf dem Projekt Ende März 2026 Verletzungen seiner Lizenz-Zusatzbedingungen (Markennennung, Attribution) vor und suspendierte die Partnerschaft mit Nextcloud. Nextcloud verwies auf die Legitimität von Forks unter der AGPL, gestützt von der Free Software Foundation und AGPL-Mitautor Bradley M. Kuhn. Nach Ergänzung von Quell- und Markenhinweisen gilt der Streit aus Sicht des Projekts als beigelegt.

Ist Microsoft 365 an Schulen erlaubt? Die deutsche Datenschutzkonferenz kam 2022 zu dem Ergebnis, dass ein datenschutzkonformer Einsatz von Microsoft 365 nicht nachweisbar ist. Mehrere Landesdatenschutzbeauftragte halten den Einsatz an Schulen für unzulässig; Baden-Württemberg stellte nach einem Pilotprojekt fest, dass sich die Probleme im Schulumfeld nicht lösen lassen.


Quellenverzeichnis

  1. heise online: „Euro-Office: First version of the open-source web office is here“ (Juni 2026) – https://www.heise.de/en/news/Euro-Office-First-version-of-the-open-source-web-office-is-here-11322160.html
  2. Computerworld: „Open source Euro-Office productivity suite to launch June 9“ (Mai 2026) – https://www.computerworld.com/article/4178807/open-source-euro-office-productivity-suite-to-launch-june-9.html
  3. Nextcloud (Pressemitteilung): „European industry initiative launches Euro-Office“ (27.03.2026) – https://nextcloud.com/blog/press_releases/industry-initiative-launches-euro-office-as-true-sovereign-office-suite/
  4. Euro-Office GitHub-Organisation (Fork-Begründung, Lizenz, Repositories) – https://github.com/Euro-Office
  5. ONLYOFFICE Blog: „ONLYOFFICE meldet Lizenzverstöße im ‚Euro-Office‘-Projekt von Nextcloud und IONOS“ (30.03.2026) – https://www.onlyoffice.com/blog/de/2026/03/onlyoffice-meldet-lizenzverstoesse-im-euro-office-projekt-von-nextcloud-und-ionos
  6. heise online: „‚Euro-Office‘: OnlyOffice wirft Projekt Lizenzverletzungen vor“ (31.03.2026) – https://www.heise.de/news/Euro-Office-OnlyOffice-wirft-Projekt-Lizenzverletzungen-vor-11241092.html
  7. it-daily.net: „Streit um neues ‚Euro-Office'“ (31.03.2026) – https://www.it-daily.net/shortnews/streit-um-neues-euro-office
  8. basic-tutorials.de: „OnlyOffice wirft Euro-Office Lizenzverletzungen vor – Partnerschaft mit Nextcloud beendet“ (April 2026) – https://basic-tutorials.de/news/onlyoffice-euro-office-lizenzverletzungen/
  9. Borncity: „ONLYOFFICE: Lizenzverletzungen bei Euro-Office?“ (01.04.2026) – https://borncity.com/blog/2026/04/01/onlyoffice-lizenzverletzungen-bei-euro-office/
  10. IT Pro: „Everything you need to know about Euro-Office“ (Juni 2026) – https://www.itpro.com/software/business-apps/everything-you-need-to-know-about-euro-office-europes-open-source-alternative-to-microsoft-office-and-google-docs-including-features-launch-dates-and-how-to-access-it
  11. netzpolitik.org: „Neue Töne aus Brüssel: Open Source soll Europa unabhängiger machen“ (08.06.2026) – https://netzpolitik.org/2026/neue-toene-aus-bruessel-open-source-soll-europa-unabhaengiger-machen/
  12. LinuxNews.de: „Open Source als globale Souveränitätsstrategie“ (Juni 2026) – https://linuxnews.de/open-source-als-globale-souveraenitaetsstrategie
  13. boerse-express.com: „Europas Behörden setzen auf Open Source: Frankreich und Deutschland treiben digitale Souveränität voran“ (Mai 2026) – https://www.boerse-express.com/news/articles/europas-behoerden-setzen-auf-open-source-frankreich-und-deutschland-treiben-digitale-souveraenitaet-voran-904281
  14. heise online: „Kurswechsel: LibreOffice für Browser und Smartphone kommt“ (Mai 2026) – https://www.heise.de/news/Kurswechsel-LibreOffice-fuer-Browser-und-Smartphone-kommt-11309343.html
  15. The Document Foundation (deutscher Community-Blog): „Neue Web- und Mobile-Strategie für LibreOffice“ (27.05.2026) – https://de.blog.documentfoundation.org/2026/05/27/neue-web-und-mobile-strategie-fuer-libreoffice/
  16. itmagazine.ch: „LibreOffice-Team informiert über Mobile-App-Strategie“ / TDF-Kritik „Fake Open Source“ an OnlyOffice (Februar/Mai 2026) – https://www.itmagazine.ch/artikel/87240/LibreOffice-Team_informiert_ueber_Mobile-App-Strategie.html
  17. datenschutz-praxis.de: „DSK: Warum Verantwortliche Microsoft 365 nicht datenschutzkonform nutzen können“ – https://www.datenschutz-praxis.de/verarbeitungstaetigkeiten/warum-sie-microsoft-365-nicht-datenschutzkonform-nutzen-koennen/
  18. Borncity: „Datenschutzkonferenz 2022: Microsoft 365 weiterhin nicht datenschutzkonform“ (26.11.2022) – https://borncity.com/blog/2022/11/26/datenschutzkonferenz-2022-microsoft-365-weiterhin-nicht-datenschutzkonform/
  19. Borncity: „Microsoft 365 an Schulen: Droht Schadensersatz wegen DSGVO-Verstößen?“ (12.02.2023) – https://borncity.com/blog/2023/02/12/microsoft-365-an-schulen-droht-bald-schadensersatz-bugeld-wegen-dsgvo-versten/
  20. Borncity: „EU-Datenschützer: EU-Kommission verstößt mit Microsoft 365 gegen DSGVO“ (11.03.2024) – https://borncity.com/blog/2024/03/11/eu-datenschtzer-eu-kommission-verstt-mit-microsoft-365-gegen-dsgvo-untersagung-bis-dez-2024/
  21. Consumer Rights Wiki: „Microsoft Office 2019 and 2021 for Mac view-only conversion (2026)“ – https://consumerrights.wiki/w/Microsoft_Office_2019_and_2021_for_Mac_view-only_conversion_(2026)
  22. Consumer Rights Wiki: „Microsoft Office 365“ (Copilot Forced Upselling) – https://consumerrights.wiki/w/Microsoft_Office_365
  23. ad-hoc-news.de: „EU-Paket für digitale Souveränität: Zwei Milliarden Euro gegen US-Abhängigkeit“ (04.06.2026) – https://www.ad-hoc-news.de/wissenschaft/eu-paket-fuer-digitale-souveraenitaet-zwei-milliarden-euro-gegen/69484878

Avatar-Foto

Von CrazyModding

Seit 2003 bin ich, in der IT-Branche tätig. Als leidenschaftlicher Verfechter von Open Source und dem Recht auf Reparatur bringe ich meine Expertise und mein Engagement in die Online-Community ein. Als Nerd im Herzen und zu Hause im Internet, bin ich ständig dabei, neue Projekte zu entwickeln und zu erkunden. Als Maker und Bastler habe ich eine breite Palette von Interessen. Von der Heimautomatisierung bis zur Programmierung von Arduino, meine Neugier und mein Einfallsreichtum kennen keine Grenzen.