Heute, am 27. Februar 2026, können Millionen Amazon-Kunden nicht bestellen. Seit dem frühen Nachmittag streikt der weltgrößte Online-Shop – Bestellhistorien verschwinden, Bezahlvorgänge scheitern, Apps und Webseite reagieren nicht. Es ist nicht der erste Ausfall dieser Art, und es wird nicht der letzte sein. Doch dieser Vorfall steht symptomatisch für ein Problem, das die gesamte Tech-Branche betrifft: Den systematischen Abbau von Fachwissen zugunsten kurzfristiger Gewinne.
Der Freitagnachmittag, an dem Amazon stehen blieb
Was sich anhört wie ein schlechter Witz, ist bittere Realität: Der weltweit größte Cloud-Anbieter und Online-Händler kann seinen eigenen Shop nicht stabil betreiben. Über 1.000 Nutzer melden innerhalb kürzester Zeit Störungen. Die Bestellhistorie zeigt nur noch digitale Käufe wie Audible-Hörbücher an. Physische Bestellungen? Verschwunden. Neue Bestellungen aufgeben? Unmöglich.
Wer jetzt denkt, das sei ein Einzelfall, irrt gewaltig. Erst im Oktober 2025 legte ein AWS-Ausfall weltweit Dutzende Dienste lahm – von Snapchat über Fortnite bis hin zu Zoom und Signal. Ein fehlerhaftes Software-Update im DNS-System reichte aus, um Teile des Internets in die Knie zu zwingen. Der Schaden ging in die Hunderte Millionen.
Microsofts Update-Desaster: Wenn Patches mehr kaputt machen als sie reparieren
Amazon steht mit seinen Problemen nicht allein. Microsoft liefert seit Monaten ein Update-Chaos, das seinesgleichen sucht. Das erste Sicherheitsupdate des Jahres 2026 – eigentlich dazu gedacht, Schwachstellen zu schließen – sorgte dafür, dass zahlreiche Windows-Rechner nicht mehr heruntergefahren werden konnten. Statt in den Ruhezustand zu gehen, starteten die Geräte einfach immer wieder neu.
Damit nicht genug: Dasselbe Update verursachte Verbindungsfehler bei Remote-Desktop-Sitzungen mit Azure Virtual Desktop und Windows 365. Für Unternehmen, die auf Cloud-Arbeitsplätze setzen, bedeutete das im schlimmsten Fall: Mitarbeiter konnten nicht mehr auf ihre Rechner zugreifen. Outlook fror bei der Verwendung von POP3-Konten ein, der Datei-Explorer ignorierte Einstellungen, und Anwendungen stürzten ab, sobald sie auf Cloud-Speicher wie OneDrive oder Dropbox zugreifen wollten. Microsoft musste innerhalb von nur vier Tagen einen Notfall-Patch nachschieben – der wiederum nicht alle Probleme löste.
Diese Pannenserie erinnert schmerzhaft an den CrowdStrike-Vorfall vom Juli 2024, als ein fehlerhaftes Update 8,5 Millionen Windows-Systeme weltweit lahmlegte. Flughäfen, Krankenhäuser, Banken – alles stand still. Der geschätzte Gesamtschaden: mindestens 10 Milliarden US-Dollar. Und auch damals war die Ursache dieselbe: mangelnde Qualitätssicherung, unzureichende Tests und ein System, das keinen Spielraum für Fehler lässt.
Die Entlassungswelle: Wenn Konzerne ihr eigenes Wissen vernichten
Wie konnte es so weit kommen? Die Antwort liegt in den Chefetagen der großen Tech-Konzerne. Seit 2023 rollt eine beispiellose Entlassungswelle durch die Branche. Allein im Jahr 2024 verloren weltweit fast 281.000 Tech-Beschäftigte ihren Job. Amazon führt die traurige Statistik mit über 27.800 entlassenen Mitarbeitern an, gefolgt von Meta mit 21.000.
Doch statt dass sich die Lage 2025 beruhigt hätte, beschleunigte sich der Trend sogar. Amazon strich laut Wirtschaftswoche weitere 14.000 Stellen – und nannte KI und Automatisierung als direkten Auslöser. Microsoft entließ laut CNBC und Bloomberg im Mai 2025 zunächst 6.000, im Juli nochmals 9.000 Mitarbeiter. Besonders brisant: Laut Unterlagen aus dem US-Bundesstaat Washington, die Bloomberg einsehen konnte, entfielen über 40 Prozent der Kündigungen auf Software-Entwickler. Darunter befanden sich Mitarbeiter, die seit fast zwei Jahrzehnten die Kernprodukte des Unternehmens mitentwickelt hatten – TypeScript-Entwickler, Azure-SDK-Spezialisten, CPython Core Developer.
Die Begründung der Konzerne klingt dabei immer gleich: „Organisatorische Veränderungen, um das Unternehmen für den Erfolg in einem dynamischen Markt zu positionieren.“ Übersetzt heißt das: Wir ersetzen erfahrene Menschen durch KI und sparen Geld. Microsofts CEO Satya Nadella erklärte Ende 2025 öffentlich, dass bereits 30 Prozent des Codes per KI generiert würden. Klingt nach Fortschritt – bis man sich die Qualität der Updates ansieht, die wenige Wochen später Rechner am Herunterfahren hinderten.
Warum KI kein Ersatz für menschliches Fachwissen ist
Künstliche Intelligenz ist ein mächtiges Werkzeug. Sie kann Code-Vorschläge liefern, Routine-Aufgaben automatisieren und Muster in riesigen Datenmengen erkennen. Doch wer glaubt, KI könne erfahrene Entwickler und Systemadministratoren vollständig ersetzen, verkennt grundlegend, wie komplexe IT-Systeme funktionieren.
Ein erfahrener Administrator kennt die Geschichte eines Systems. Er weiß, warum eine bestimmte Konfiguration vor fünf Jahren so gewählt wurde, welche Abhängigkeiten existieren und was passiert, wenn man an einer bestimmten Stelle etwas ändert. Dieses institutionelle Wissen – die nicht dokumentierten „Legacy-Geheimnisse“, die gewachsenen Workarounds, die stillschweigenden Übereinkünfte zwischen Teams – lässt sich nicht in ein Runbook packen und schon gar nicht durch einen KI-Chatbot ersetzen.
Ja, moderne KI-Systeme können mit langen Kontexten arbeiten und Dokumentationen durchsuchen. Doch was ihnen fehlt, ist die intuitive Erfahrung aus jahrzehntelanger Systembetreuung. Eine KI kann vorschlagen, einen veralteten Code-Block zu refaktorisieren. Aber sie versteht nicht, dass genau dieser Block einen obskuren Edge Case abfängt, den das Team vor sieben Jahren nach einem dreitägigen Produktionsausfall eingebaut hat – undokumentiert, aber geschäftskritisch.
Wenn Amazon seinen Shop nicht stabil betreiben kann, wenn Microsoft Updates herausgibt, die Rechner am Herunterfahren hindern, dann zeigt das: Die Qualitätssicherung versagt. Und Qualitätssicherung braucht Menschen, die verstehen, was sie tun – nicht nur Algorithmen, die Code generieren, ohne die Konsequenzen absehen zu können.
Eine KI kann nicht einschätzen, ob ein Change an einem Produktivsystem am Freitagnachmittag eine gute Idee ist. Sie kann nicht um drei Uhr morgens ein Produktionssystem debuggen und dabei Entscheidungen treffen, die auf Erfahrung, Intuition und Systemverständnis beruhen. Und sie kann keine Verantwortung übernehmen, wenn etwas schiefgeht – ein Punkt, der mit dem EU AI Act zunehmend relevant wird. Denn wenn KI-generierter Code einen Ausfall verursacht, stellt sich die Frage: Wer haftet? Der Konzern, der seine Entwickler entlassen hat? Der KI-Anbieter? Oder niemand?
Das Vertrauensproblem: Wenn die Basis bröckelt
Die wiederkehrenden Ausfälle erodieren das Vertrauen in die großen Tech-Konzerne – und das zurecht. Unternehmen, die ihre gesamte Infrastruktur auf AWS oder Azure betreiben, müssen sich fragen, wie verlässlich diese Dienste noch sind, wenn der Anbieter gleichzeitig das Personal abbaut, das die Systeme am Laufen hält.
Der CrowdStrike-Vorfall hat gezeigt, wie fragil das digitale Ökosystem ist. IT-Sicherheitsexperte Dennis-Kenji Kipker vom Cyberintelligence Institute beschrieb es treffend als eine Verkettung aus mangelhafter Qualitätssicherung und dem globalen IT-Monopol bei Microsoft. Und obwohl der Vorfall milliardenschwere Schäden verursachte, hat sich strukturell kaum etwas verändert. Im Gegenteil: Der Personalabbau wurde sogar beschleunigt. Kipker warnt: „Im Software-Bereich werden immer mehr Monokulturen aufgebaut.“ Und Monokulturen sind anfällig.
Für Unternehmen, die auf diese Dienste angewiesen sind, bedeutet das ein wachsendes Risiko. Wer seinen gesamten Geschäftsbetrieb auf eine einzige Cloud-Plattform stellt, hat im Ernstfall keinen Plan B. Und mit jedem entlassenen Experten sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Probleme schnell und kompetent gelöst werden.
Die gefährliche Abhängigkeit: Monokultur in der IT
Hinter den konkreten Ausfällen steckt ein systemisches Problem: die massive Abhängigkeit von wenigen Großkonzernen. AWS kontrolliert rund ein Drittel des globalen Cloud-Computing-Marktes. Microsoft dominiert mit Windows den Desktop-Markt und mit Azure den zweitgrößten Cloud-Markt. Wenn einer dieser Giganten strauchelt, wackelt die gesamte digitale Infrastruktur.
Dieses Klumpenrisiko wird durch den Einsatz von KI weiter verschärft. Denn auch bei KI-Tools dominieren dieselben Akteure: Microsoft mit OpenAI, Amazon mit Bedrock, Google mit Gemini. Wer seine Entwicklungsprozesse auf KI-Tools dieser Anbieter umstellt und gleichzeitig seine menschlichen Experten entlässt, begibt sich in eine doppelte Abhängigkeit. Fällt der Anbieter aus, stehen nicht nur die Produktivsysteme still – es fehlen auch die Werkzeuge und das Personal, um das Problem zu lösen.
In der Software-Branche bilden sich zunehmend Monokulturen. Und Monokulturen sind anfällig – das weiß jeder Biologe und jeder IT-Sicherheitsexperte. Wenn ein einziger Fehler in einem Update Millionen Systeme gleichzeitig lahmlegen kann, stimmt etwas Grundlegendes nicht an der Architektur unserer digitalen Welt.
Digitale Souveränität: Europa muss handeln
Für europäische Unternehmen und Regierungen sollten diese Vorfälle ein Weckruf sein. Die Abhängigkeit von US-amerikanischen Tech-Konzernen ist nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein sicherheitspolitisches Risiko. Wenn ein fehlerhaftes Update in Redmond dafür sorgt, dass deutsche Unternehmen nicht mehr arbeiten können, oder ein Ausfall in Virginia den Online-Handel in ganz Europa lahmlegt, dann ist das ein Problem, das weit über IT-Administration hinausgeht.
Die NIS2-Richtlinie der EU, die eigentlich die Cybersicherheit stärken sollte, hinkt dem Zeitplan hinterher. Deutschland hat die Umsetzungsfrist bereits verpasst. Dabei wäre es gerade jetzt entscheidend, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Unternehmen zur Diversifizierung ihrer IT-Infrastruktur bewegen. Europäische Cloud-Alternativen wie OVHcloud, Hetzner oder die Initiativen rund um Gaia-X existieren bereits. Anbieter wie IONOS oder Schwarz Digits (die Cloud-Tochter der Schwarz-Gruppe hinter Lidl und Kaufland) investieren massiv in souveräne Cloud-Infrastruktur. Dazu kommen Multi-Cloud-Strategien, die keine Kür mehr sind, sondern eine Überlebensstrategie – und eine stärkere Fokussierung auf Open-Source-Lösungen, die nicht von einzelnen Konzernen kontrolliert werden.
Kurzfristige Gewinne, langfristiger Niedergang
Was Amazon, Microsoft und andere gerade betreiben, ist ein gefährliches Spiel. Die Quartalszahlen mögen kurzfristig besser aussehen, wenn man Tausende Entwickler entlässt und durch KI-Tools ersetzt. Doch die versteckten Kosten – Ausfälle, Qualitätsverlust, erodierendes Kundenvertrauen – zeigen sich erst mit Verzögerung.
Die Geschichte der Technologiebranche ist voll von Unternehmen, die sich für unverwundbar hielten: IBM, Nokia, Blackberry, Yahoo. Sie alle hatten eines gemeinsam: den Glauben, dass Kostensenkung und Effizienz wichtiger seien als die Pflege ihres Kernprodukts und ihres Fachwissens. Der Abstieg begann jeweils schleichend – erst einzelne Qualitätsprobleme, dann wachsende Unzufriedenheit der Kunden, schließlich der Verlust der Marktführerschaft.
Die heutigen Mega-Konzerne stehen an genau dieser Schwelle. Jeder Ausfall, jedes fehlerhafte Update, jeder entlassene Senior-Entwickler ist ein kleiner Riss im Fundament. Und irgendwann tragen auch die dicksten Mauern nicht mehr, wenn das Fundament genug Risse hat.
Fazit: Menschen sind kein Kostenfaktor – sie sind das Fundament
Der Amazon-Ausfall von heute ist mehr als eine technische Störung. Er ist ein Symptom einer Branche, die dabei ist, ihr wertvollstes Gut zu vernichten: das Wissen und die Erfahrung ihrer Mitarbeiter. KI ist ein Werkzeug, kein Ersatz für menschliche Expertise. Wer das verwechselt, riskiert nicht nur einzelne Ausfälle, sondern das Vertrauen einer ganzen Gesellschaft in die digitale Infrastruktur.
Die Lösung liegt nicht darin, den technologischen Fortschritt aufzuhalten. Sie liegt darin, KI als das zu nutzen, was sie ist – ein Hilfsmittel, das die Arbeit von Experten ergänzt, nicht ersetzt. Und sie liegt darin, die Abhängigkeit von einzelnen Konzernen zu reduzieren, in europäische Alternativen zu investieren und die digitale Souveränität ernst zu nehmen.
Denn eines hat der heutige Tag wieder einmal bewiesen: Wenn die Server der Großen ausfallen, stehen wir alle im Regen. Es wird Zeit, dass wir uns einen eigenen Regenschirm bauen.

