Der Bundestag plant den Abschied von US-Software wie Microsoft 365 – und setzt auf Open-Source-Lösungen. Was steckt hinter der Initiative, welche Vorteile bringt digitale Unabhängigkeit, und warum ist freie Software der einzig konsequente Weg?
1. Der Status quo: Deutschlands Parlament in amerikanischer Hand
Über 10.000 Arbeitsplätze im Deutschen Bundestag – in Berlin ebenso wie in den Wahlkreisbüros bundesweit – laufen heute auf Microsoft 365. Word, Excel, Outlook, Teams: Das Herzstück der parlamentarischen IT-Infrastruktur gehört einem amerikanischen Konzern. Die Daten der Abgeordneten, ihre Kommunikation, ihre Arbeitsdokumente – alles läuft über Systeme, deren Bedingungen, Lizenzen und Sicherheitsarchitektur letztlich in Redmond, Washington, festgelegt werden.
Das ist kein Einzelfall. Weite Teile der deutschen Verwaltung, Unternehmen und kritischen Infrastruktur hängen an denselben wenigen US-amerikanischen Plattformen: Microsoft, Google, Amazon Web Services. Was jahrzehntelang als praktische Selbstverständlichkeit galt, wird heute zunehmend als strategisches Risiko erkannt.
Eine fraktionsübergreifende Kommission im Bundestag unter der Leitung von Vizepräsidentin Andrea Lindholz (CSU) arbeitet deshalb an einem grundlegenden Umbau der parlamentarischen IT. Die vollständige Digitalstrategie soll im Mai 2026 vorgestellt werden. Das Ziel: Raus aus der Abhängigkeit, rein in die digitale Selbstbestimmung – mit Open Source als zentralem Werkzeug.
2. Was digitale Souveränität wirklich bedeutet
Der Begriff „Digitale Souveränität“ klingt abstrakt, hat aber sehr konkrete Konsequenzen. Er beschreibt die Fähigkeit eines Staates, seiner Institutionen und letztlich seiner Bürger, eigenständig über digitale Infrastrukturen und Daten zu entscheiden – ohne Abhängigkeit von ausländischen Unternehmen, Regierungen oder Rechtssystemen.
Digitale Souveränität bedeutet konkret:
- Datenkontrolle: Wer speichert welche Daten, wo, und wer hat Zugriff?
- Technologiekontrolle: Kann eine Institution ihren Betrieb aufrechterhalten, wenn ein Anbieter den Dienst einstellt, die Preise erhöht oder auf Druck einer fremden Regierung den Zugang sperrt?
- Rechtskontrolle: Welchem Rechtssystem unterliegen Daten und Systeme? US-amerikanisches Recht erlaubt US-Behörden unter bestimmten Umständen den Zugriff auf Daten amerikanischer Unternehmen – unabhängig davon, wo diese Daten physisch gespeichert sind.
Für ein nationales Parlament ist die letzte Frage besonders brisant. Sensible Gesetzgebungsprozesse, Kommunikation zwischen Abgeordneten, vertrauliche Ausschussmaterialien: All das hat nichts auf Servern verloren, auf die eine fremde Macht im Zweifel Zugriff haben könnte.
3. Die konkreten Vorteile der Unabhängigkeit von US-Tech
Der Wechsel weg von US-amerikanischen Plattformen hin zu europäischen Open-Source-Lösungen bringt eine ganze Reihe handfester Vorteile – weit über das abstrakte Konzept der Souveränität hinaus.
Schutz vor geopolitischen Risiken
Die geopolitische Lage hat sich verändert. Das Verhältnis zwischen den USA und Europa ist komplexer geworden – Handelskonflikte, unterschiedliche außenpolitische Interessen und die wachsende Unberechenbarkeit internationaler Politik machen klar: Strategische Abhängigkeiten sind Schwachstellen. Wer seine kritische Infrastruktur auf ausländischen Plattformen betreibt, setzt sich dem Risiko aus, dass politische Entscheidungen jenseits des Atlantiks direkte Auswirkungen auf die eigene Handlungsfähigkeit haben.
Schutz vor Cyberangriffen und Spionage
Proprietäre Software von US-Konzernen ist ein attraktives Ziel für staatlich gesponserte Cyberangriffe – und für Geheimdienste, die über rechtliche Mittel Zugang zu Daten erzwingen können. Open-Source-Software hingegen kann von unabhängigen Sicherheitsexperten weltweit eingesehen, geprüft und verbessert werden. Versteckte Hintertüren oder Schwachstellen lassen sich in offenem Quellcode deutlich schwerer verbergen.
Finanzielle Unabhängigkeit und Planungssicherheit
Microsoft, Google und Co. bestimmen einseitig über ihre Lizenzpreise. Regierungen und öffentliche Institutionen haben keine echte Verhandlungsmacht – sie zahlen, was der Anbieter verlangt, oder riskieren den Betriebsausfall. Open-Source-Software dagegen ist lizenzfrei. Die eingesparten Lizenzkosten können in eigene Entwicklung, Support und Infrastruktur reinvestiert werden – und fließen statt in amerikanische Konzernkassen in die europäische IT-Wirtschaft.
Technologische Unabhängigkeit und Langzeitstabilität
Proprietäre Software kann abgekündigt, verändert oder mit unerwünschten Funktionen ausgestattet werden – ohne Zustimmung der Nutzer. Wer erinnert sich noch an das Ende von Windows 7 oder die erzwungene Migration auf Windows 11? Open-Source-Systeme gehören niemandem und gehören damit allen. Sie können von der Nutzergemeinschaft weiterentwickelt, geforkt und dauerhaft gepflegt werden – unabhängig von Unternehmensentscheidungen.
Stärkung des europäischen IT-Ökosystems
Jeder Euro, der in Open-Source-Software und europäische Alternativen investiert wird, stärkt die heimische Tech-Industrie. Unternehmen wie die Hersteller der Phoenix-Suite, Stapel wie Stackit oder Messenger wie Wire sind europäische Produkte – entwickelt nach europäischen Datenschutzstandards, betrieben nach europäischem Recht. Je mehr öffentliche Institutionen diese Lösungen nutzen, desto leistungsfähiger und wettbewerbsfähiger werden sie.
4. Open Source: Mehr als nur kostenlose Software
Ein weit verbreitetes Missverständnis muss hier ausgeräumt werden: Open Source bedeutet nicht einfach „gratis“. Es ist ein grundlegend anderes Modell der Softwareentwicklung – und ein politisches Statement.
Open-Source-Software basiert auf dem Prinzip des offenen Quellcodes. Jeder kann den Code einsehen, prüfen, verändern und weitergeben. Das hat tiefgreifende Konsequenzen:
Transparenz: Behörden und Bürger können nachvollziehen, was eine Software tatsächlich tut. Keine versteckten Telemetriedaten, keine undurchsichtigen Datenweitergaben, kein heimliches „Telefonieren nach Hause“ zu amerikanischen Servern.
Gemeinschaft: Open-Source-Projekte wie Linux, LibreOffice oder Nextcloud werden von weltweiten Entwicklergemeinschaften gepflegt. Fehler werden schnell gefunden und behoben – nicht nach dem Ermessen eines Unternehmens, sondern weil das Interesse der gesamten Community daran liegt.
Anpassbarkeit: Öffentliche Institutionen können Open-Source-Software an ihre spezifischen Anforderungen anpassen. Kein Warten auf Features, die ein Hersteller vielleicht nie implementiert. Kein Akzeptieren von Funktionen, die man nicht möchte.
Nachhaltigkeit: Open-Source-Projekte sterben nicht, wenn ein Unternehmen aufgekauft wird oder pleitegeht. Der Code bleibt, die Community bleibt, die Software bleibt.
Für staatliche Institutionen ist Open Source deshalb nicht nur eine technische Entscheidung – es ist die einzige Softwarephilosophie, die mit den Prinzipien von Transparenz, demokratischer Kontrolle und öffentlicher Verantwortung wirklich vereinbar ist.
5. Der Plan des Bundestags – und seine Schwachstellen
Die Kommission im Bundestag hat die Dimension des Problems erkannt. Ein erster konkreter Schritt zeichnet sich bereits ab: Die Einführung des europäischen Messenger-Dienstes Wire, der als bislang einziges Chat-Tool eine BSI-Zertifizierung für Verschlusssachen besitzt. Das ist ein sinnvoller Anfang – aber eben nur ein Anfang.
Die Open-Source-basierte Phoenix-Suite ist bereits als alternatives Büropaket im Einsatz, hat jedoch noch keinen breiten Durchbruch geschafft. Als Cloud-Brückenlösung steht die Delos-Plattform im Raum – ein in Deutschland betriebenes System, das allerdings weiterhin Microsoft-Dienste integriert. Kritiker nennen das zu Recht „Souveränitäts-Washing“: Solange US-amerikanische Software den Kern bildet, bleibt die Abhängigkeit bestehen, egal auf welchem Serverstandort.
Genau hier setzt die Kritik der Opposition an. Die Linken-Fraktionssprecherin für Digitale Verwaltung, Sonja Lemke, bringt es auf den Punkt: Die Digitalstrategie des Bundestags formuliere zwar hehre Ziele, lasse aber den Weg zur Umsetzung offen. Abgeordnete seien nach wie vor gezwungen, Windows-Geräte zu nutzen – Alternativen wie Linux kommen in der Strategie nicht ein einziges Mal vor. Der Verdacht liegt nahe, dass der größte Bremsblock nicht ein technisches, sondern ein kulturelles Problem ist: die Angst vor Beschwerden, wenn sich Abgeordnete an neue Systeme gewöhnen müssen.
Das wäre keine gute Grundlage für eine echte Transformation. Digitale Souveränität erfordert Konsequenz – nicht die Suche nach dem bequemsten Mittelweg zwischen dem Status quo und dem eigentlichen Ziel.
6. Europa zieht nach: Ein kontinentaler Trend
Deutschland ist mit diesem Kurs nicht allein. Quer durch Europa wächst das Bewusstsein dafür, dass die digitale Abhängigkeit von US-Konzernen ein gesamteuropäisches Problem ist – und dass Open Source die gesamteuropäische Antwort darauf sein kann.
Frankreich geht dabei mit besonders gutem Beispiel voran: Die französische Regierung ersetzt in Behörden schrittweise Microsoft Teams und Zoom durch die eigene Open-Source-Videokonferenzlösung Visio. Das EU-Parlament hat ebenfalls Forderungen nach einer Loslösung von US-Tech formuliert. Und mit Initiativen wie european-alternatives.eu entsteht ein wachsendes Ökosystem europäischer Software-Alternativen für nahezu jeden Anwendungsfall.
Der Trend ist eindeutig: Europa erkennt, dass technologische Unabhängigkeit eine Voraussetzung für politische Handlungsfähigkeit ist. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie schnell dieser Wandel vollzogen wird.
7. Fazit: Jetzt handeln oder dauerhaft abhängig bleiben
Die Initiative des Bundestags ist ein überfälliges Signal. Es ist richtig und wichtig, dass das höchste demokratische Organ Deutschlands die Frage stellt, ob seine Arbeitsfähigkeit wirklich von den Entscheidungen amerikanischer Konzerne abhängen darf. Die Antwort sollte klar sein: Nein.
Open Source ist dabei nicht nur eine Option – es ist die einzig konsequente Lösung. Nur Software, deren Quellcode offen einsehbar ist, die von keinem einzelnen Unternehmen kontrolliert wird und die nach europäischem Recht betrieben werden kann, bietet die Grundlage für echte digitale Souveränität. Delos-Kompromisse und Souveränitäts-Washing mögen kurzfristig politisch bequemer sein – langfristig lösen sie das Grundproblem nicht.
Die Herausforderungen sind real: Gewöhnung, Umschulungsbedarf, noch nicht vollständig ausgereifte Alternativen in einigen Bereichen. Aber diese Hindernisse sind überwindbar – wenn der politische Wille vorhanden ist. Und dieser Wille muss jetzt gezeigt werden, bevor die Abhängigkeit noch tiefer wird.
Die vollständige Digitalstrategie des Bundestags erscheint im Mai 2026. Sie wird zeigen, ob Deutschland den Mut aufbringt, diesen Schritt wirklich zu gehen.

